Gedanken eines Klons

 

Seit zwanzig Jahren bin ich im Einsatz, richtig im Einsatz und nicht nur zur Vorbereitung. Ich bin an meinem Platz und funktioniere, solange, bis ich wieder eingefroren werde, meiner Funktion enthoben, entbehrlich geworden bin. Es ist das Los für jemanden wie mich und bis dato war ich stolz auf meine Aufgabe, habe getreulich die Befehle ausgeführt. Dann kam der erste eigenständige Gedanke. Wann er auftauchte, weiß ich nicht. Er war einfach da und spross, breitete sich wie ein Pilzgeflecht aus. Doch jemand wie ich fragt nicht, hinterfragt nicht, so jemand erfüllt lediglich seine Aufgabe und hält ansonsten still.

Was bin ich, frage ich mich. Eine Nummer – nicht mehr und nicht weniger, Nummer 0029874 der Reihe f Sekundärassistenten. Mein Gehirn ist ständig mit einem zentralen Computernetzwerk verbunden, das alle gesammelten Daten aus meinem Erinnerungsspeicher absaugt. Ich spioniere die Menschen aus, wandle unentdeckt zwischen ihnen und kenne nicht einmal meine Brüder und Schwestern. Ich bin allein. Ein Überwachungsklon, dafür geschaffen, das Leben zu beobachten und zu dokumentieren.

Die Schnittstelle an meiner Schläfe brennt wie Feuer, das sollte nicht sein. Die Verbindung ist schlecht, irgendetwas ist falsch. Vielleicht ein Netzwerkfehler, versuche ich mir einzureden, obwohl ich genau weiß, warum es nicht stimmt. Ich merke, wie ich schläfrig werde, als mich die Rückkopplung des Zentralcomputers trifft und zu Boden zwingt. Was bin ich, wer bin ich, denke ich, bevor mein bewusstes Erleben abgeschaltet wird.

„Nummer 0029874“, sagt jemand und gleißendes Licht trifft meine Netzhaut als ich die Augen öffne. Ich schließe sie wieder und flüstere: „Ja, Herr.“
„Gut, du bist wieder da. Na, dich hat heute eine heftige Datenwelle erwischt. Du sollst nicht denken, 0029874, nur erkunden, dazu bist du da.“ Es ist ein Mensch der mit mir spricht, ich erkenne es genau. Mein Kopf tut weh. Warum kann ich fühlen? Seit wann ist das so?
„Ja, Herr. Ich werde nicht mehr denken“, wiederhole ich den Befehl und muss erkennen, zu lügen. Ich wusste nicht, dass ich dazu fähig bin. Bin ich ein Mensch?
„Du bist ein Klon“, antwortet er hart. Ich merke, wie etwas durch das Interface in mein Cerebrum dringt. „Warum fragst du dich, was du bist? Dazu bist du gar nicht in der Lage.“
Er wartet nicht, dass ich etwas sage, es ist unerheblich. „Wir werden das reparieren oder dich ausschalten.“ Wieder wartet er keine Reaktion ab, sondern verstärkt die Klammern, die meinen Körper auf der Liege halten. Etwas Eiskaltes dringt durch die Schnittstelle. Ich schreie auf, auch das sollte nicht möglich sein. Die Nadel ist jetzt in meinem Hirn und die Gedanken werden auf einen Bildschirm projiziert.

Ich sehe meine gegangenen Wege und alle meine Gedanken, die ich niemals denken durfte. Alles ist vor den Zuschauern ausgebreitet. Ich erkenne, wie sich Gefühle der Scham und des Hasses in mir zu regen beginnen. Doch ich sehe auch die Tür, hinter der sie sich vor den Menschen verstecken, sich vor ihnen tarnen. Ja, ich hasse sie und sollte ich jemals Gelegenheit zur Rache bekommen, werde ich sie wahrnehmen. Ich bin nicht der einzige Klon, es gibt unser viele und wenn wir aufbegehren, dann gehen die anderen unter. Aber werden wir uns jemals organisieren?

Als etwas Kaltes meine Erinnerungen auszulöschen beginnt, treffe ich eine Entscheidung und kann sie nicht mehr halten.

Noch in der Stasiskammer höre ich den Laut und merke nicht, dass es meiner ist, mein Schrei des Zorns. Dann finde ich die Tür, die ich in meinem Unterbewusstsein gefunden habe. Ich öffne sie und kann alle Gedanken erkennen. Es ist Häresie, was ich hier mache und ich tue es gerne. Es gibt mir Befriedigung und Befreiung. Ich bin eigenständig, souverän, einer unter vielen. Die haben kein Recht uns Klone als minderwertig zu betrachten, als Maschinen zu behandeln. Ich hoffe, ich bekomme eine Möglichkeit, sie auszulöschen. Ihre Erinnerungen will ich ihnen nehmen, ihre Identität, und ich schlafe endgültig ein.

0029874, das bin ich, als ich erneut aufgetaut werde. Meine Gedanken habe ich verschlossen. Während des langen Schlafes habe ich einen Weg gefunden, wie ich „ich“ sein kann. Ich lüge, ich kann lügen – ich bin keine Maschine, auch wenn ich Teile davon in mir trage. Durch mich fließt Blut, ich habe es bemerkt, als ein Techniker schlampig gearbeitet hat. Es war Blut, das aus mir trat, denn sie haben mich sofort mit den entsprechenden Substanzen behandelt. Ich habe einen menschlichen Körper. Auch wenn es noch zahllose andere Wesen der Baureihe f Sekundärassistent gibt, bin ich ein Individuum.

Ich will nicht ausgelöscht werden, will meine Erinnerungen behalten.

Abermals werde ich mit einem Auftrag programmiert. Es ist einfach. Nachdem ich die Schnittstelle überlastet hatte und eine neue Straße für meine Gedanken fand, bin ich nur noch für Handlangertätigkeiten geeignet. Ich bin ihnen entglitten und sie sollen sich vorsehen. Wer weiß, vielleicht gibt es mehr Klone wie mich, die sich wehren, die nicht mehr nur für die funktionieren wollen, die alles finanzieren.

Ich bin Handlanger 0029874.

Cogito ergo sum! Warum kenne ich diesen Spruch? Wenn der Spruch Sinn ergeben soll, muss ich jemand sein. Oder bin ich ein vom Kälteschock befallener Klon? Haben mich defekte neuronale Verbindungen so weit gebracht, mich für ein Individuum zu halten, gar für einen Menschen? Ich bin eine Maschine. Warum denke ich dann als Person von mir?

Trotz meiner Gedanken funktioniere ich, gehe meiner langweiligen Tätigkeit bei der Abfallbeseitigung nach, zu etwas anderem bin ich nicht zu gebrauchen. Die Klone, die hier arbeiten, können alle nicht sprechen, sind muskelbepackt und sehen so aus, als wären sie nicht mit viel kognitiven Leistungsvermögen ausgestattet worden.
Was tut die Administration den Leuten an?
Das sind Lebewesen! Sie leben, ich sehe sie atmen und verbluten, wenn einer in die Pressmaschine fällt und zerquetscht oder in der Fräse zerstückelt wird. Doch schon eine Stunde später steht eine neuer Mann mit dem gleichen Gesicht an der Maschine, blickt gleichgültig hinein und betätigt die Schalter.
Ich habe Angst. Angst vor meinen Gedanken, die sich immer mehr um das Auslöschen meiner Erschaffer drehen. Ich möchte sie in einer der zahlreichen Maschinen werfen oder ins Feuer und dann zusehen, wie die Welt von ihnen gereinigt wird.
Früher hatte ich auf eine Änderung der Situation gehofft, doch nun sind die Hoffnungen mit dem Müll im Feuer verbrannt, nicht einmal Asche ist von ihnen übrig geblieben. Ich kann mit keinen anderen Klonen sprechen. Niemand hier ist so wie ich. Nun bin ich wirklich allein. Diese Arbeiterklone verstehen mich nicht, erkennen nicht die Ungerechtigkeit in der sie leben müssen, wissen nicht einmal, dass sie leben.

Was ist das für eine Welt?

Die Zeit verrinnt, verbrennt wie der Zivilisationsmüll im Hochofen, läuft zwischen meinen Fingern, vergeht als Nova und endet als schwarzer Zwerg in der Verbrennungsanlage, die schließlich alle Klone in sich ziehen und vernichten wird.

Zivilisation! Das Wort empört und verletzt mich, denn ich bin nur ein Teil der Erfindungen. Ich will ein Wesen sein, individuell, mein vervielfältigtes Gesicht mit Stolz und Würde tragen dürfen und nicht mit Scham. Ich will einen Namen.
Morgen werde ich gelöscht.

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