Giton und Florianus

 

Giton stand müßig mit den Füssen scharrend an der Kreuzung zum Forum. Er wollte sich mit Florianus treffen, doch der verspätete sich, wie üblich. Wahrscheinlich war er wieder einmal in einem bestimmten Haus hängen geblieben. ‚Wohl eher stecken geblieben’, dachte er grinsend und spuckte aus. Lässig schlenderte er weiter. Er durfte sich nichts anmerken lassen. Allein war es nicht so einfach, unbemerkt an die Geldbeutel der Passanten zu kommen. Ein Stoßgebet zu Merkur schickend, wandte er sich dem Marktplatz zu.

 

Hier war es laut, noch lauter als in der Subura. Doch das störte den kleinen Dieb nicht. Mit geheucheltem Interesse betrachtete er diverse Artikel, Gemüse, Obst, redete mit einem Händler, der Hennen verkaufte, die laut gackernd in kleinen Käfigen hockten und sich gegenseitig die Augen auszupicken begannen. Giton wandte sich wieder ab, als er den Preis vernahm. „Heute nicht, Gaius, die sind mir zu teuer. Vielleicht das nächste Mal.“ Er schlenderte weiter. Wie beiläufig trat er an den nächsten Marktstand. Hier wurden frische Blutwürste feilgeboten und Fliegen sammelten sich um den Fleischer. „Blutwurscht!“, schrie er immerzu und einige versuchten bereits, den Preis zu drücken. Giton ging ganz nahe an die Bude heran und gab dem Standbein des Tresens einen Tritt. Ausrufer, Blutwürste und andere Leckereien kullerten zu Boden. Laut begann der Besitzer des Ladens zu brüllen. Einige Umstehende lachten über das vermeintliche Missgeschick. Während sich alle Welt um den Blutwurstmann kümmerte, wanderten einige Würste dezent in Gitons Beutel. Bald darauf gesellten sich noch einige Münzen dazu, um die er unaufmerksame Zuschauer erleichtert hatte.

 

Pfeifend ging er weiter, griff nach einem sauren Apfel und biss hinein. Lässig warf er dem Verkäufer ein Ass zu. Dann suchte er die Abgeschiedenheit hinter dem Merkurtempel auf.

 

Florianus war noch bei Gabriella. Er war dort tatsächlich steckengeblieben, aber nicht so, wie Giton meinte. Gabriella, die billigste Hure des Viertels, die für zwei Asse blies, dass der Höhepunkt in farbenfrohen Wellen daherkam und einen dann umso schneller aus dem Loch trieb, bevor es unter der Belastung einstürzen konnte.

Doch an diesem Tag steckte Florianus nicht in Gabriella, er steckte in Schwierigkeiten. Die Stadtwache war hinter ihm her und er stand oben auf dem Gebäude, ziemlich nackt und es war ihm ziemlich peinlich, so gesehen zu werden. ‚Verdammter Mist’, dachte er. Dann rief er nach unten in die Gasse: „He, ihr Perversen! Hättet ihr nicht warten können, bis ein Mann mit Ficken fertig ist!“ Dann begannen seine wirklichen Probleme. Das Dach war nicht das Stabilste und ein Ziegel gab nach. Florianus ruderte mit den Armen, plumpste schmerzhaft auf den Hintern und es ging abwärts. „Nicht abstürzen!“, rief jemand von unten. „Hier lagern Tonwaren! Nicht hier!“ Eifriges Winken begleitete diese Schreie, doch nichts konnte Florianus wilden Abgang stoppen.

 

Giton murmelte leise vor sich hin. Er hatte gute Beute gemacht. Aber jetzt war es an der Zeit, vor die Stadtmauern zu gehen, denn seit einigen Tagen kontrollierten sowohl Feuerwehr als auch Stadtwache in der Subura. Der letzte Brand war einfach zu groß gewesen und niemand wollte einen weiteren Großbrand, besonders nicht die Bewohner des Elendsviertels. Zornig gab er einem Stein einen Tritt. Das letzte Mal war es beinahe zum Eklat gekommen, nur mit viel Schmeichelei und Spenden war es schließlich dem Senat gelungen, die Masse zu beruhigen, wozu wohl auch die Spiele im Circus Maximus beigetragen hatten. Noch immer kündeten die Graffiti von den ruhmreichen Gladiatoren. Er blieb vor so einem stehen, kratzte sich zuerst die Eier, dann den Kopf und schließlich noch am Hintern. „Das war ein Erlebnis. Junge, Junge, spannend war das. Ah … ich glaube.“ Er konnte nicht mehr weiterdenken, denn soeben erblickte er Caecilian, einen alten Bekannten, den er nicht gerne sah, denn er schuldete ihm noch Geld. So schlich er durch eine schmale Tür und atmete erleichtert auf. Da schreckte ihn Kindergeschrei hoch. Er war in einem Garten gelandet und hier spielte ein Kind. „Sieh an, eine Puppenspielerin“, flötete Giton, grinste dämlich und huschte wieder hinaus, direkt in Caecilians Arme.

 

„Ah, salve amicus“, begann er und versuchte sich aus dem kräftigen Griff des Bekannten zu befreien. „Tia, filius, jetzt bist du in Schwierigkeiten. Was hast du heute eingenommen? Und wo zum Mars ist dein verfickter ewiggeiler Helfer?“

„Ähm, bei … bei … bei …“

„Ist ja auch egal. Her mit dem Beutel, Giton!“

„Was?“ Noch bevor er reagieren konnte, hatte Caecilian ihn schon um seine Beute erleichtert und er sah bereits sein Abendessen davoneilen, da bekam er noch eine halbe Wurst an den Kopf geworfen. „Hier dein Lohn!“, hörte er Caecilian rufen. Rasch wollte er sich danach bücken, aber ein Hund war schneller gewesen und hatte das Stück Blutwurst geschnappt. Knurrend lief er damit weg. „He, das ist mein Essen!“, rief Giton zornig, und hetzte dem Köter hinterher. Dabei riss ein Schnürsenkel, die Sandale öffnete sich, er fiel über die Bänder, stolperte dahin und landete recht unsanft im Rinnstein. „Verdammte Pechsträhne aber auch! Merkur, hast du denn gar nichts mehr über für kleine Diebe?“ Er setzte sich an den Straßenrand, zog die Sandalen aus und band sie sich an den Gürtel. Murrend lief er zurück nachhause, wenn man das Loch das er bewohnte so bezeichnen konnte. Da kam ihm Florianus entgegen, nur noch mit einem Gürtel bekleidet und er sah zerschunden aus. Giton blieb stehen und fragte ungläubig: „Wasn dir auf der Hure passiert?“

„Nichts, Alter. Die Wache hätt mich beinah erwischt. Aber es ging unentschieden aus.“ Er lachte schallend und warf noch eine Kusshand zurück ins Labyrinth, wo er die Stadtwache nach seinem Sturz abgehängt hatte. Giton grinste ebenfalls. „Tia, amicus, besser arm und hungrig und dafür frei als satt und morgen tot. Komm, ich hab was zum Anziehen für dich, dann gehen wir in den Tempel.“ Sie schlenderten durch einen Hof, Giton griff nach links und schon wechselte eine Tunika den Besitzer, die ein unvorsichtiger Mieter zum Trocknen aufgehängt hatte. Die gab er großzügig seinem blessierten Freund.

„Gut, Alter, danke. Ich bin hungrig, gehen wir zum Tempel. Irgend so ein reicher Fresser wird schon was in eine ganz bestimmte Schale gelegt haben.“ Giton schlug seinem Freund gut gelaunt auf die Schulter und zusammen marschierten sie zum Tempel.

Thema: Giton und Florianus

Es wurden keine Beiträge gefunden.
 

Foto verwendet unter der Creative Commons Ian Sane  © 2012 Alle Rechte vorbehalten.

Erstellen Sie kostenlose HomepageWebnode