Hermann

 

Frau Edith Meinrath stand vor dem großen Wandspiegel und betrachtete sich kritisch. Die Färbung der Waden war nicht ganz einwandfrei, der Strich, der die Naht anzeigen sollte, war nicht gerade geworden, aber es musste genügen. Das redete sie sich eifrig ein. Auch hatte das braune Kostüm schon bessere Zeiten erlebt. An den Ärmelaufschlägen war die Jacke etwas verschossen und ein Knopf passte nicht mehr zu den anderen. Das störte sie und das unbehagliche Gefühl, das sich seit dem frühen Morgen ihrer bemächtigt hatte, wurde heftiger. Ein dicker Kloß bildete sich in ihrem Hals. Noch einmal richtete sie das ergrauende Haar, steckte den Knoten fest und strich eine Strähne hinter das Ohr. Während sie sich fertig machte, kreisten ihre Gedanken. Immerzu dachte sie: ‚Hermann, warum machst du mir solche Sorgen? Bist du wirklich ein Wechselbalg, wie dein Vater meint?’ Ihre Sorgen diesbezüglich waren begründet, denn Bertram und sein jüngster Sohn hassten sich. Besonders seit dem Abend als Hermann den Hund nachhause gebracht hatte und unvermutet Bertram vor der Tür gestanden war. Statt eines freudigen Wiedersehens, gab es Krach. Am Ende saß Hermann wieder einmal im Holzlager im Hof und musste die Nacht über draußen verbringen.

„Dass mir das Balg nie wieder hereinkommt, wenn ich da bin, Edith. Und sag mir nie wieder, das Balg ist von mir! Das kann er gar nicht, so wie der aussieht und überhaupt – der ist ja krank! Schleppt so einen verhungerten Flohpinscher an, den er auch noch Leisetreter nennt! Als ob ein Hund leise treten könnte!“, ereiferte sich Bertram wobei er sich immer wieder heftig gegen die Stirn tippte, weil er nicht einsehen wollte, dass Hermann dem kleinen Hund das Leben gerettet hatte. Karl war ganz still in seiner Ecke gesessen und hatte das Butterbrot in der Hand gedreht. Erst als sich Bertram wieder zu Tisch setzte und das einzige Stück Fleisch, für das Edith wochenlang die Lebensmittelkarten gespart hatte, verschlang, erwachte er zum Leben. Eifrig erzählte er von der Schule und Karl hatte selten einen so geneigten Zuhörer gefunden, wie an diesem Abend in seinem Vater. Bertram hatte gehofft, zuhause einige ruhige Tage zu verbringen, denn er wusste, dass dies wahrscheinlich einer der letzten Tage sein würde, die er mit seiner Familie zubringen würde. Dann war alles anders gekommen. Er war zur 6. Armee abkommandiert, tief nach Russland hinein und das Gefühl, er würde seine Familie nie wieder sehen, bohrte in ihm und ließ ihn unbeherrscht werden. Sie verstanden es nicht, wie konnten sie auch.

Nach dem Essen schlich Edith in den Hof. In einer Hand hatte sie ein Stück Butterbrot und in der anderen eine Decke. „Hermann, hier habe ich dein Abendessen“, flüsterte sie.

„Danke Mutti“, kam die schluchzende Antwort aus der hintersten Ecke. Ein leises Winseln war auch zu hören. Edith kroch in den Schuppen und setzte sich zu ihrem jüngsten Sohn, wenigstens sie wusste, dass er normal war – so normal wie jeder andere auch, der in dieser verrückten Zeit leben musste. Und er war klug, viel klüger als alle dachten.

Stumm saßen sie nebeneinander und labten sich an der Gegenwart des anderen. Erst als Hermann sein Brot aufgegessen hatte, sagte sie: „Mein Junge, nimm es bitte deinem Vater nicht übel – ich glaube, er wollte uns eine Freude machen mit diesem unerwarteten Besuch.“ Hermann schwieg lieber, nickte aber, die Zähne fest aufeinandergebissen. Ihm hatte Vater keine Freude gemacht. ‚Soll er doch an der Front verrecken’, dachte er bitter und erschrak über diesen heftigen Gedanken.

„Er mag mich nicht“, flüsterte er schließlich.

„Doch, das tut er. Er schlägt dich nie, niemals hat er die Hand gegen dich erhoben, Hermann“, versuchte sie zu beschwichtigen, doch der Junge lachte nur. Dann meinte er, sehr ernst: „Weißt du Mutti, Oskar wird von seinem Papa regelrecht verdroschen, wenn ihm was nicht passt und dann, wenn alles wieder gut ist, dann gehen sie auf den Bolzplatz. Vater schickt mich raus und vergisst mich. Ich bin nicht wirklich für ihn, Mutti.“ Lange blickte sie ihren Sohn an, dann steckte sie die Decke um den dünnen Körper fest, gab ihm einen Kuss auf die Stirn, wogegen er sich nie wehrte, und murmelte: „Ich will nicht, dass du recht hast, Hermann. Schlaf gut.“

„Mutti?“, hörte sie ihn, als sie schon halb aus dem Verschlag war, also drehte sie sich noch einmal um und schaute ihn fragend an. „Mutti, ich hab dich lieb.“

„Ich hab dich auch lieb, Hermann“, antwortete sie gerührt und wusste nicht, wie sie die Tränen zurückhalten sollte.

Die Nacht über musste sie immer wieder an ihn denken und lauschte neben sich dem Schnarchen des Mannes, den sie vor vielen Jahren geheiratet hatte. Beide hatten sie sich verändert in dieser Zeit. Bertram war unerbittlich geworden, ein Soldat, der nicht nachgab. Und wie sie sich jetzt im Spiegel betrachtete, fand sie, auch sie habe sich nachteilig verändert, nicht nur, was das Aussehen anging. Verhärmt war sie geworden in den Jahren der Einsamkeit.

Wie hypnotisiert starrte sie in den Spiegel, konnte nichts erkennen. Der Tag war kalt, trotzdem hatte sie auf die Strümpfe verzichtet und sich die Waden angemalt. Es würde kalt werden, wenn sie zu dem Termin mit dem Direktor ging. Wieder einmal war Hermann das Thema und sie fragte sich, was er diesmal wohl angestellt haben mochte. Karl war in der Schule sehr engagiert und Bertram wollte ihn nach dem Abitur auf eine Hochschule schicken, dafür hatte er schon eifrig gespart. Karl war auch an allem interessiert und zeigte großes Interesse, wenn es ums Lernen ging und er war alles in allem ein Vorzeigekind, wenngleich er ab und zu etwas mürrisch wirkte und den jüngeren Bruder manchmal quälte. Die Zwillinge waren bereits beim Militär und dienten an der Front. Erwin war in Italien und Erich in Afrika. Um die beiden machte sie sich große Sorgen, sie waren noch so jung, gerade einmal zwanzig Jahre. Und trotzdem hatte sie bei ihnen das Gefühl, sie könnten sich trotz aller Widrigkeiten des Krieges selbst schützen.

Als sie den Hut aufsetzte, sah sie die Zwillinge vor sich und ein Lächeln stahl sich in ihre Mundwinkel, die sonst die meiste Zeit nach unten zeigten. „Meine Großen, ich bin stolz auf euch“, murmelte sie, dann griff sie nach den Handschuhen. „Auch auf dich Karl, bin ich stolz.“ Tief war der Seufzer, der sich anschließend ihrer Brust entrang und schien gleichsam den ganzen Ballast, der ihr auf der Seele lastete, mitzunehmen. Aber nichts verspürte sie von einer Erleichterung. Die Last der Zurückgebliebenen drückte noch immer schwer und mit jeder Minuten, wurde es schwerer zu ertragen. Es war Freitag, der 29. Januar 1943.

Von draußen war die Kirchturmuhr zu hören, sie schlug neun Mal, das brachte sie in die Gegenwart. Hastig griff sie nach der Handtasche. Während sie die Straße entlanglief, dachte sie an Hermann. Bereits in der Unterstufe war er einmal zurückgestuft worden aber immer wieder beharrte er darauf, weiter zu lernen und den Lehrstoff zu beherrschen. So war es auch. Einmal hatte er ihr gestanden, dass ihn der Unterricht langweilte und er viel lieber schwierigere Sachen lernen würde. Doch sie hatte ihm nicht so recht geglaubt und ihn weiterhin wie die Lehrer für einen Störenfried gehalten.

Sie fror und verwünschte die Umstände, die sie zu dem weiten Weg in dieser Kälte zwangen. Dann verfluchte sie sich selbst, weil sie sich nicht ordentlich gekleidet hatte. Bei dem Winter wären wollene Strümpfe angemessener gewesen. Doch nun war es zu spät. Sie musste laufen, denn auch der O-Bus-Verkehr war seit einiger Zeit eingeschränkt und an diesem Tag war er ganz ausgefallen. Rasch lief sie die Straße hoch, fühlte die Kälte, die sich ihrer Beine bemächtigte und meinte, ihre Zehen erfrören in den dünnen Schuhen. Als sie endlich in den nobleren Gegenden der Stadt angekommen war, konnte sie auf einem schneefreien Bürgersteig gehen, was ihr ein schnelleres Vorankommen ermöglichte. Und endlich, als sie schon dachte, jetzt würden ihr die Beine endgültig abfrieren, stand sie vor der Schule.

Über dem Portal stand noch immer k.u.k Kaiserlich und Königl … der Rest war bei verschiedenen Feuergefechten während des Bürgerkriegs herausgeschossen worden. Abermals seufzte sie. Dann reckte sie den Kopf und drückte das Tor mit mehr Elan als sie verspürte nach innen auf.

Mit festen Schritten betrat sie die alte Halle. Es roch nach Bohnerwachs und Papier, Schweiß und Kreide. Sie ging durch den Vorraum, betrat einen langen Gang und klopfte an die zweite Tür links. Lange musste sie warten und sie fragte sich schon, ob sie etwas verwechselt hatte. Dann öffnete eine blonde Frau in einem perfekt sitzenden Kostüm und bat sie, einzutreten. „Warten Sie bitte einen Moment, Gnä’ Frau, Herr Doktor Liebig wird in wenigen Minuten Zeit für Sie haben. Sie sind etwas spät dran.“ Das stimmte nicht, denn Frau Meinrath hatte ihre Armbanduhr nach der Kirchenuhr gestellt. „Verzeihen Sie die Verspätung, Fräulein“, antwortete Frau Meinrath leise und unterwürfig. Immer wenn sie in diesen Häusern der Bildung war, fühlte sie sich klein und unbedeutend, regelrecht unwissend, dabei hatte sie selbst Abitur gemacht, wenn auch nur zähneknirschend vom Vater damals finanziert.

Steif und sehr gerade setzte sie sich auf einen harten Stuhl. Die Handtasche stellte sie auf die Knie, dabei krallte sie die Hände um den Griff, als gelte es das eigene Leben zu schützen. Den Blick hielt sie fest auf die gegenüberliegende Wand geheftet. Ab und zu hörte sie leises Kratzen einer Feder über Papier, dann wiederum vernahm sie das rhythmische Klopfen einer Schreibmaschine und das melodische Kling, wenn sich ein Zeilenwechsel ankündigte. Frau Meinrath wollte, dass das Gespräch vorbei war oder wenigstens beginnen würde. Hermann war ihr Sorgenkind. Immer war er mit den Gedanken in den Wolken und stellte Unsinn an.

Endlich, die Minuten hatten sich für sie zu Stunden ausgedehnt, öffnete sich das Allerheiligste und Doktor Liebig schaute aus seinem Büro. Aber er nickte nur der Sekretärin zu. Bedächtig legte diese die Feder zur Seite, stand auf wobei sie ein feines, aber überhebliches Lächeln zur Schau stellte. „Gnä’ Frau, wenn Sie mir bitte folgen, der Herr Doktor hat jetzt Zeit für Sie.“ Als ob Edith Meinrath eine Bitte oder ein Anliegen hätte. Der Direktor wollte sie sprechen, nicht umgekehrt. Aber so waren eben die Spielregeln. Sofort sprang Edith auf, sie wollte die Sache endlich hinter sich bringen. Dieses Semester war es bereits das dritte Mal, dass sie vorsprechen musste. Immer wegen Hermann, keiner der anderen Söhne hatte so viel Ärger gemacht, keiner war auch so eigensinnig.

 

„Ah Frau, ähm, nehmen Sie bitte Platz. Es geht um Ihren, äh, Sohn, Hermann.“ Edith blieb stehen, sah sich um. Das Büro wirkte so wie immer. An den Wänden, Regale voller Bücher und Ordner, in der Mitte der gewichtige Schreibtisch aus deutscher Eiche, dahinter Herr Doktor Liebig, weißhaarig, dichter Vollbart und ein Zwicker auf der Nase. Sein Anzug saß tadellos und eigentlich hätte er schon längst in Rente sein sollen, doch der Krieg war ihm dazwischen gekommen. Als die wehrpflichtigen Männer abkommandiert worden waren, war er aus dem wohlverdienten Ruhestand abberufen worden. Nun machte ihm so ein 17jähriger neunmalkluger Bursche das Leben schwer. Doch auch das stimmte nicht ganz, denn klug war der junge Mann, daran gab es keinen Zweifel. Er ging nur nicht gut um mit seiner Klugheit, fand Doktor Liebig, denn der Bursche hielt sich an keine Regeln und Vorschriften. Für ihn stand der Junge außerhalb der zivilen Ordnung und musste endlich zur Räson gebracht werden. Dazu gab es verschiedene Möglichkeiten und die wollte er jetzt mit der Mutter, er hielt sie für ein blasses Nichts, mit keiner nennenswerten Bildung besprechen.

„Na, setzen Sie sich schon, Frau Meinrath, ich beiße Sie nicht. Das haben wir doch schon alles hundert Mal gemacht. Wenn Sie dem Bengel nicht beikommen und er sich weiter so unkameradschaftlich benimmt, dann kann ich nur raten, ihn in eine Anstalt einzuweisen, denn ihm muss geholfen werden. Das ist nicht normal!“ Eben wollte sie sich setzen, doch sofort fuhr sie in die Höhe und erwiderte zornig: „Herr Doktor, Sie können sagen was Sie wollen, Hermann ist nicht krank! Er ist NICHT krank und muss daher auch in keine Anstalt.“

„Wie wollen Sie das feststellen, Verehrteste? Ich verstehe schon, dass Sie auf …“

„Nichts verstehen Sie, Sie … Hermann ist einfach nur gelangweilt.“ Jetzt war es heraußen und ließ sich nicht mehr zurücknehmen.

„Na, da ist ja der Apfel nicht weit vom Stamm …“

„Hören Sie auf mit diesen Anspielungen, Herr Liebig. Sie wissen wohl nicht, wer mein Vater, Gott hab ihn selig war?“ Natürlich wusste er es, er war einer der besten Professoren an der Salzburger Universität gewesen und hatte zusammen mit Doktor Liebig die Schulbank gedrückt.

„Was machen wir dann? So kann es nicht weitergehen! Und setzen Sie sich endlich!“

Erst jetzt wurde sich Edith bewusst, dass sie gegen die Obrigkeit geredet hatte. Ihr zitterten plötzlich so heftig die Knie und sie spürte die Hitze der Röte in den Wangen, so sehr schämte sie sich, aber sie fühlte auch insgeheim Stolz auf sich, weil sie Hermann endlich einmal verteidigt hatte. „Wenn Sie denken, er ist nur hochbegabt und spielt uns hier den Hanswurst, dann müssen wir uns etwas anderes überlegen …“ Der Direktor lehnte sich in seinem Stuhl zurück und schloss gedankenvoll die Augen.

Gerade wollte der Direktor einen Vorschlag machen, als die Lautsprecher angingen und es Fliegeralarm gab. Laut hallte das Signal und für einen Sekundenbruchteil erstarrten beide. Dann sprangen sie auf. „Wo gehen wir hin, Herr Doktor?“, fragte sie ängstlich.

„Na wohin wohl?“, antwortete er unwirsch. „Fräulein Moser, Sie nehmen alle wichtigen Dokumente mit und dann rennen Sie wie der Teufel hinter uns her. Ich zeige Frau äh Frau … na ist ja auch egal, den Weg zum Luftschutzkeller.“ Edith Meinrath und die Sekretärin blickten sich einen Moment an, dann wurde die Besucherin vorwärts geschoben und aus der Tür gedrängt.

 

Es war jetzt totenstill, nur verhallende Schritte waren zu hören, irgendwo hustete jemand. Dann stand plötzlich Hermann vor ihnen, totenbleich, das linke Auge zugeschwollen und Blut lief aus seiner Nase. Ungläubig stierte er seine Mutter an.

„Leisetreter …“ Tränen standen in seinen Augen, dann zog er seinen kleinen Hund hervor. Jemand hatte ihm ein Loch in den Schädel geschlagen. „Leisetreter … jemand hat Leisetreter mit einem Hammer. Mutti, wie kann das jemand meinem kleinen Hund antun? Was machst du hier? Der Alarm ist losgegangen, du solltest dich in Sicherheit bringen.“ Ohne eine Antwort abzuwarten lief der junge Mann weiter, eine Blutspur hinter sich herziehend. Immer wieder hörte sie ihn den Namen des Hundes sagen, dann an der Tür drehte er sich noch einmal um, hob die Hand und sagte: „Ich hab dich lieb, Mutti, aber ich ….“ Es war das letzte, das sie von Hermann hörte und sah. „Ich hab dich auch lieb, Junge!“, rief sie. Doktor Liebig packte sie grob bei den Schultern, drehte sie herum und schob sie die Treppe zum Luftschutzkeller hinab.

„Hermann“, flüsterte sie, doch Doktor Liebig scheuchte sie vorwärts. Erst als sich die Tür hinter ihnen geschlossen hatte, atmete er erleichtert auf.

Kaum hatten sie ihre Plätze eingenommen vernahmen sie die ersten Einschläge. Jemand hatte den Rundfunkempfänger mitgenommen und eifrig wurde an den Knöpfen gedreht bis sie einen Empfang hatten.  

„Hermann“, flüsterte sie als sich Karl neben sie setzte. „Hermann, er wird nicht wiederkommen.“

„Ja Mutter.“

 

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