... und die Dämmerung wich der Nacht

 

 

Sie stand schon eine lange Zeit im Regen, der Fluss zog in reißenden Strömen vorüber, aber sie merkte es nicht. Ihre Gedanken weilten in der Ferne an fremden Orten bei Monstern und Bestien, die es zu besiegen gegolten hatte, die es zu vernichten galt noch immer und immer wieder, so lange, bis niemand mehr da war, der eine Bedrohung darstellte. Doch dann würden neue kommen, immer neue, immer frisch erdacht und ersonnen von einer Welt, die sich dem Leben entgegenstellte, die gegen den Sinn fuhr und ihr eigenes Ticken einer Nichtlebensuhr mitbrachte, die alles zum Stillstand führte.

 

Die Hände vor der Brust verschränkt stand sie so und wartete, dass der Fluss stieg und sie holte, sie wollte nicht mehr. Keine Morde, keine Feuer, keine Dunkelheit.

 

Vor dem inneren Auge der alten Frau zogen die Männer vorüber, die im Kampf gefallen waren, als sie besser auf ihren Äckern gewesen und den Pflug geführt hätten, die Kinder, die noch im Mutterleib verstarben, weil es nichts zu essen gab, die Frauen, die in ihren Hütten verbrannten. Krieg, Krieg, Krieg wohin das Auge schaute oder die Erinnerung ihr brachte. Niemals hatte sie einen einzigen friedlichen Tag erlebt, nur ging es zu Ende, es wurde zu viel. Es gab nichts mehr, wofür es sich zu leben lohnte. Die Struktur brach, das Schwarz des Kosmos bohrte sich ins Licht, die Kälte des Nichtlebens zog in die Herzen der Lebenden.

 

Sie setzte sich und wartete weiter. Da kam er. Sie hörte ihn nicht, wie er sich leise neben sie setzte und nach ihrer Hand griff und sie leicht drückte. Sanft erwiderte sie den Druck und bleib wie sie war. „Es ist vollbracht“, flüsterte er. „Alles ist bereit. Wir können verschwinden.“ Die Frau nickte lediglich, schaute ihn aber nicht an. Es wurde tatsächlich Zeit, die Zelte hier abzubrechen und an einen anderen Ort des Universums zu ziehen. Das Licht zu verbreiten war das Ziel, doch hier waren sie gescheitert, kläglich und unbarmherzig.

 

Idir, so hieß sie und er war Hämärä, die beiden, die dazwischen waren, zwischen Licht und Dunkelheit, zwischen Tag und Nacht, die Dämmerung – das Davor und Danach.

 

„Die Kälte nimmt zu, Idir. Die Nacht bricht an, wir haben unsere Aufgabe erfüllt.“ Seine Stimme klang sanft wie immer, war wie ein feiner Regenguss am Frühlingsmorgen, der die Blumen wachküsst. Doch auf Idir wirkte es anders. Jedes Mal, wenn er sprach, hatte sie das Gefühl, als würde er sie anschreien. So zuckte sie zusammen und schaute ihn nun von der Seite her an. „Du hast natürlich recht“, antwortete sie mit einer Stimme, die an raschelndes altes Herbstlaub erinnerte. Noch immer saß sie in unveränderter Haltung am steinigen Strand und starrte aus blinden weißen Augen ins Leben, das endlich und doch so unendlich war in seiner herben und unvorhersehbaren Winzigkeit. Doch ihre blinden Augen erblickten das Staubkorn und erkannten es als das was es war, ein Baustein, ohne den das Gerüst stürzen musste. Alles war mit allem verbunden und fehlte ein Teil ging alles verloren, verlor das Gebilde an Stabilität und es stürzte ein. Idir hob die Arme und sang eine alte Klageweise, die ohne Worte auskam, nur aus Tönen bestand, die sich mit dem Murmeln des Flusses vermischten und schließlich sang auch Hämärä mit und die Dämmerung wich der Nacht.

 

„Wir gehen …“ Idir stand auf, entfaltete ihre Flügel und schwarz hob sich ihre alterlose Erscheinung in die Nacht und die Sterne gingen auf und erhellten für einen Moment ihren Begleiter, den silbrigen Hämärä, der den Morgen brachte, sollte es jemals wieder einen geben.

 

„Ich habe versagt an diesem Ort, Freund Hämärä, die Nacht wird immerwährend sein“, sagte sie als sie sich schon mit der Dunkelheit vermählte und in ihr aufging.

 

„So sei es, Idir. Es gibt andere Orte, anderes Leben, Leben, das sich nicht in sich selbst auffrisst und die Botschaft erkennen wird. Dazwischen sind wir, meine Freundin und dazwischen werden wir bleiben.“

 

Als silbriger Stern verschwand Hämärä schließlich im Kosmos und hinterließ wo er verschwand einen Fleck weiß, als Zeichen des Lichts, der Hoffnung und Idir blieb, damit die Nacht nicht unendlich wurde, sondern es auch ein Dazwischen gab.

 

Sie kehrte zurück an den Fluss, verwandelte sich in eine alte Frau und wartete.

Thema: ... und die Dämmerung wich der Nacht

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