1. Lupa - Die Hure

  Unruhen und Blut vergießen herrschten in Judäa zu jener Zeit. Diese zwangen den Kaiser zu drastischen Maßnahmen. So schickte er seinen Sohn Titus in die Provinz Syria, um dort die Ordnung wiederherzustellen, die bereits seit zu vielen Jahren fehlte. Diese Provinz, besonders in Judäa, entwickelte sich zu einem brennenden Ölfass, und wenn es nicht rasch und nachdrücklich gelöscht wurde, drohte die Lage dort zu eskalieren.

 Doch das alles berührte die anderen Provinzen nur insofern, als sie Soldaten für die Legion bereitstellen und höhere Steuern zahlen mussten. Das Leben der einfachen Menschen außerhalb Syrias blieb davon weitestgehend unbelastet, so auch das Geschehen auf dem Sklavenmarkt in Ostia und in anderen Gebieten des Reichs. Auch die Gladiatorenspiele fanden sich immer noch großer Beliebtheit und der Gladiatoren gab es genug, wie auch Reiche und für eine Wiederwahl werbende Politiker, die auf dieses Instrument der Bekanntmachung zurückgriffen und sich beim Volk beliebt machen wollten. Gleichzeitig wurden die Menschen von den Missständen, die fast an allen Orten herrschten, abgelenkt.

 

 Kassandra, Tochter der Lydia, stand auf einem Podest des Dirnenmarktes und kam sich kläglich vor. Seit der Haushalt ihres Herrn Titus Tiberion vor einem Mond aufgelöst worden war, wartete sie hier auf ihren Weiterverkauf. Titus hatte es verabsäumt, vor seinem Tod ein Testament zu machen und da es keine gesetzlichen Erben gab, fiel sein Vermögen an den Staat, dazu gehörte auch Kassandra. Ihr hochtrabender Name und ihre frühere Tätigkeit als Vorleserin erwiesen sich als ebenso hinderlich für den Verkauf wie ihr Aussehen. Erst als registrierte Lupa wurde sie gekauft, in einen geschlossenen Wagen gesetzt und weggebracht. Sie wusste nicht, wohin der Weg ging und war so verängstigt, dass sie nicht zu fragen wagte. Aber es schien ihr besser zu sein als dieses demütigende Warten. Ab und zu, wenn die Angst zu groß wurde, fragte sie sich, warum sie dem letzten Wunsch ihres Herrn nicht Folge geleistet hatte. Es wäre so einfach gewesen und sie müsste sich jetzt nicht mehr ängstigen. Aber damals waren ihr Lebenswille und ihre Neugier stärker gewesen als die Angst vor dem Unbekannten.

 

 Endlich, nach vielen Tagen Fahrt, durfte sie aus dem stinkenden Verschlag steigen. Sie war am Ziel der Reise angelangt und staunte. Das Haus schien für sich allein auf der sanften Erhebung zu thronen. Es war von Pinien umgeben, in einiger Entfernung war ein kleiner Wald zu erkennen. Aber nicht nur die Villa zog ihren Blick an, sondern auch die zahlreichen Nebengebäude. Es gab Ställe, Werkstätten und ein sehr großes Gebäude, aus dem der meiste Lärm drang, über dessen Tor stand „Ludus Atticus“ geschrieben. Dorthin dirigierte sie ihr Käufer, ob er auch ihr neuer Herr war, wusste sie nicht, er sprach nicht mit ihr. Am großen Tor standen zwei Wachposten, die sie in Empfang nahmen. Noch immer ängstlich, überlegte sie, was sie hier wohl erwarten würde. Aber sie hatte nicht viel Zeit zum Denken. Durch ein weiteres Tor ging es über einen Hof, an vergitterten Türen vorbei, dann durch einen Säulengang und schließlich gelangte sie auf einen mit Sand und Stroh bedeckten sehr großen rechteckigen Hof. Hier kämpften halb nackte Männer mit dem Gladius und schrien sich gegenseitig an. Kassandra warf einen Blick in ihre Richtung und schaute schnell wieder weg, als die Männer in ihrer Tätigkeit aufhörten und sie musterten. Ihr Kleid war zu kurz und sie hatte keine Palla, damit sie ihren Kopf bedecken konnte, deshalb blickte sie beschämt zu Boden. Früher achtete sie stets darauf, ehrbar gekleidet zu sein. Nun merkte sie, wie ihr die Röte in die Wangen fuhr. Alle Bildung, die Titus Tiberion ihr angedeihen hatte lassen, war nutzlos. Diese Erkenntnis traf sie hart und brachte ihr Bild von sich und der Welt ins Wanken.

 Aus den Augenwinkeln beobachtete sie, wie ein rotblonder Hüne auf sie zukam, dann jedoch in einem steilen Winkel abbog und auf den Säulengang zulief. Sie hörte ihn brüllen: „Verdammt, Marcus …!“ Den Rest verstand sie nicht, weil sie durch einen weiteren Torbogen in die Therme geschoben wurde. Eine alte Frau stand da und lachte meckernd, als sie Kassandras ansichtig wurde. Die Alte stellte, sich als Flavia vor und war hier allem Anschein nach für das ‚leibliche Wohl’ der Gladiatoren zuständig gewesen. Nun nahm sie sich nur noch des Badehauses an, wie sie Kassandra erklärte, und war froh über die Ablöse. Die junge Sklavin verstand noch immer nicht, was sie hier sollte, darum erklärte ihr Flavia noch einmal alles in allen Einzelheiten. „Aber ob das was wird mit dir, da habe ich so meine Zweifel. Das hier sind richtige Männer, die wollen keine kleinen Mädchen, die wollen Weiber. Was hat sich der Meister nur dabei gedacht? Nun, wir werden sehen, was ich aus dir machen kann. Auf jeden Fall werden wir deinen Namen ändern. Kassandra geht nicht, das ist viel zu prächtig für eine wie dich.“ Gleichmütig ließ sie das Gerede über sich ergehen, auch der genauen Musterung der Alten hielt sie stand. Erst als ihr neuer Herr das Badehaus betrat, blickte sie zu Boden. Kaum sah er sie, fing er auch schon an zu schreien: „Gavin! Du hattest recht …“ Damit lief er hinaus, knallte die Tür zu und kam wenige Minuten später mit dem Hünen zurück. „Ich hab dir gleich gesagt, du kannst Septius nicht trauen. Der hat dir die billigste Ausschussware mitgebracht“, wetterte der Rothaarige. „Macht nichts. Ihr werdet euch schon irgendwie arrangieren. Jetzt kann ich sie nicht mehr zurückgeben. Aber Septius wird noch von mir hören, das kann ich dir sagen. Schickt mir hier ein blasses Nichts und verkauft sie mir als erfahrene Lupa. Ich fürchte, die weiß nicht mal, was sie hier soll!“ Kassandra wand sich unter den verächtlichen Worten und den abschätzigen Blicken der Männer. Flavias Gemecker trug auch nicht gerade dazu bei, dass es ihr besser ging. Sie blinzelte die Tränen weg, fasste sich ein Herz, schlimmer konnte es nicht mehr kommen, dachte sie, und sagte: „Herr – es tut mir leid, wenn ich nicht deinen Vorstellungen entspreche.“ Ihr Gesicht war vor Scham rot angelaufen, was die blonden Locken noch mehr betonte. Die Haare waren das einzig wirklich Schöne an ihr, alles andere war zu kantig. Sie hatte schmale Hüften und ihre Brüste waren kaum erwähnenswert. Doch Septius hatte sie als Prachtweib angepriesen. „Das nächste Mal fahre ich selbst nach Ostia“, brummte er, ohne auf Kassandra einzugehen. „Das wird besser sein, Herr“, wandte die glucksende Flavia ein. „Denn ich werde niemanden mehr bedienen.“

 „Mit dir hat keiner gesprochen! Sieh zu, dass sie halbwegs was hermacht. So wie sie jetzt aussieht … Nein, mach was.“ Der Herr schüttelte missmutig den Kopf, nahm den finster schauenden Gavin am Ellbogen und zusammen verließen sie das Bad.

 Kassandra sah ihnen enttäuscht nach. Sie wusste nicht, was sie erwartet hatte, als der Herr eingetreten war, aber bestimmt nicht, er würde über sie reden, als wäre sie dumm oder nicht hier. Auch Flavia behandelte sie von oben herab. Aber was konnte man von einer alten Sklavin anderes erwarten? Diese scheuchte Kassandra zu den Becken mit warmem Wasser, ließ sie untertauchen und sich waschen. Danach wurde sie geschminkt, neu gekleidet und parfümiert. Kassandra fühlte sich dabei immer unwohler. „Auf die Fascia könntest du verzichten, du hat ja nichts“, murmelte Flavia und verknotete das Band, das sie Kassandra um die Brust geschlungen hatte, auf ihrem Rücken. Darüber kam eine etwas zu bunte und zu kurze Tunika. „Mach nicht so ein Gesicht. Es ist einfache Arbeit, die du machst. Na ja, du wirst auch die Quartiere der Gladiatoren in Ordnung halten und die Therme hier hast du auch über, aber so viel ist das nicht.“ Kassandra hatte das Gefühl, einen Bienenschwarm im Kopf zu haben, alles summte und brummte und sie bekam keinen klaren Gedanken zusammen.

 

 Bereits seit drei Jahren kämpfte Gavin Tettius unter dem Pseudonym Myrdin der Rote für die Gladiatorenschule des Marcus Atticus. Horrende Spielschulden hatten ihn dazu getrieben, sich an die Arena zu verkaufen. Jetzt nahm er das Holzgladius wieder auf, machte einige halbherzige Schwünge damit, senkte den Arm und blickte kopfschüttelnd zur Tür des Badehauses. „Was ist Myrdin? Ist das die neue Lupa?“, fragte Tullius, der Retiarius. Gavin nickte. „Komm, lass uns an deiner Verteidigung arbeiten. Das Netz ist schwer und du sollst nicht aussehen, als würde es dir Mühe machen, einem Angreifer auszuweichen“, sagte er schließlich und verwickelte Tullius in einen Trainingskampf. Er gab dem Retiarius einige Tipps zur Verbesserung der Beinarbeit, dann setzte er sich in den Schatten, trank Wasser und starrte missvergnügt auf die andere Seite des Hofs. Er war neugierig, was Flavia aus dem gerupften Huhn, wie er die Neue bei sich nannte, machen würde. Als die Schatten länger wurden, stand er auf und suchte den Gladiatorenmeister. Höflich bat er um eine Unterredung. „Geht es noch immer um die Lupa?“

 „Ja, Herr.“

 „Du weißt, du musst mich nicht Herr nennen, Gavin, ich schätze dich und du hast mir bislang sehr gute Gewinne beschert. Nicht mehr lange, mein Freund, und du bist deine Schulden los.“

 „Ich weiß deine Freundschaft zu schätzen, Marcus, und danke dir dafür. Aber was diese kleine Wasweißich angeht, da habe ich kein gutes Gefühl. Es wäre besser, wenn du sie loswirst oder für irgendwelche Hausarbeiten einsetzt.“

 „Ich habe keine andere. Flavia ist noch da, aber die ist nun wirklich schon zu alt dafür.“

 „Und die Neue ist nicht mehr als ein Küken!“, ereiferte sich nun Gavin. „Ich fürchte das wird nicht gut gehen.“

 „Mach dir nicht zu viele Gedanken. Ich habe vorhin Septius aufgesucht. Er hat mir versichert, sie war die Mätresse eines alten Mannes. Das ist nur Getue. Geh wieder, ihr könnt sie nach dem Abendessen ansehen.“ Gavin brummte etwas, was Marcus nicht verstand und schritt eilig davon. Er glaubte nicht, hier eine gerissene kleine Dirne vor sich zu haben. Aber er konnte auch irren, wie er sich eingestehen musste. Müde und wütend auf sich selbst, weil er sich für diese Unbekannte einsetzen wollte, ging er in sein Quartier. Nachdem er sie gesehen hatte, war ein verloren geglaubtes Gefühl in ihm hochgestiegen, das er tunlichst vermeiden wollte, denn mit seinem Entschluss als Gladiator seine Schulden abzutragen, hatte er für sich festgestellt, die Liebe passt nicht in sein Leben. Jetzt hatte er diese blasse dünne Erscheinung vor Augen, wie sie den Herrn um Verzeihung für ihre Person bat und sein Herz klopfte wie wild. Irgendwie musste er sie aus seinen Gedanken verbannen, doch immer wieder hatte er diese feine, gebildete Stimme im Ohr und sah die sanften Wellen ihres blonden Haars, das bis zu den Hüften reichte.

 

 Etwas später führte Flavia Kassandra über den nun leeren Übungshof zum Wohnbereich der Ludus-Sklaven. Sie konnte kaum Schritt halten und etwas betrachten, so schnell ging die Ältere voraus. „Ich bin keine Lupa“, wiederholte sie ständig, was bei Flavia nur Lachanfälle auslöste. „Du bist registriert, also bist du eine“, kam als Standardantwort zwischen den Lachsalven. In einem weitläufigen Atrium verlangsamte sie ihre Schritte, stieß eine mit einer Wölfin gekennzeichnete Tür auf und sagte fröhlich: „Hier schläfst und arbeitest du. Tagsüber hältst du die Gladiatorenquartiere und die Therme in Ordnung. Vergiss nicht dich bezahlen zu lassen. Einige Kupfermünzen müssen sie dir schon geben, schließlich musst du die Kosmetik selbst kaufen. Glaub mir, Gladiatoren, zumindest die guten, haben immer Geld.“ Flavia schob sie in das üppig eingerichtete Zimmer. Eine, mit rotem Stoff bezogene Liege stand an einer Wand, an einer anderen ein kleiner Tisch mit Waschzeug und hinter einem Vorhang aus Holzperlen waren ein Bett und eine große Holzkiste untergebracht. In einer Wandnische fand sich ein Regal mit mehreren kleinen Gefäßen, die Massageöle enthielten. Abgetretene Teppiche zierten den Boden und auch die Wände waren mit Behängen bedeckt. Einige Leuchter standen herum und würden ein angenehm warmes Licht verbreiten, wenn die Kerzen entzündet waren. Flavia grinste ein beinahe zahnloses Lächeln, dann klopfte sie der Jüngeren auf die Schulter, stellte noch eine Amphore Wein auf den Tisch und ging. Kassandra wusste nicht, was sie davon halten sollte. ‚Hier soll ich arbeiten und schlafen. Lesen und interessante Gespräche wird es nicht mehr geben.’ Verunsichert setzte sie sich auf die Liege, wartete und trank von dem Wein. Sehnlich wünschte sie sich jemanden der ihre Angst verstehen würde. So schluckte sie einen Teil davon mit dem Wein hinunter. Etwas später dachte sie: ‚Ich hoffe, ich finde unter den Sklaven jemanden, mit dem ich reden kann. Warum habe ich den Schierling nicht getrunken?’ Für einige Minuten gestattete sie sich in Selbstmitleid zu versinken. Dann wusch sie sich das Gesicht und sah sich noch einmal in der Kammer um. Es gefiel ihr, wirkte herrschaftlich. Aber ob ihr auch die Arbeit gefallen würde, das bezweifelte sie. Lange Jahre hatte sie das Haus nicht verlassen dürfen, so breitete sich abermals Unsicherheit in ihr aus. Wie würden die Gladiatoren und die anderen Sklaven auf sie reagieren? Würde jemand mit ihr reden wollen? Sie hatte viele Fragen aber keine Gelegenheit auf eine davon näher einzugehen. Sie wollte sie nicht betrachten und auch keine Antworten, denn das hätte sie noch mehr verängstigt.

 

 „In drei Monden finden bei unserem Gönner Horatio Maximus Clemens Spiele statt“, verkündete Marcus nach dem Abendessen. „Und weil ihr so tüchtige Kämpfer seid, habe ich für euch eine Belohnung. Heute ist die neue Lupa eingetroffen. Aber“, hier unterbrach er den sich anbahnenden Tumult. „Aber, heute geht nur Myrdin zu ihr. Ansehen könnt ihr sie natürlich alle. Morgen werde ich euch beim Training beobachten und wer sich besonders hervortut …“ Er brauchte nicht weiter zu sprechen. Die Aussicht auf etwas Entspannung würde die Männer zu Höchstleistungen anspornen. Dass Myrdin heute schon in den Genuss kam, wurde ihm nicht allzu übel genommen, denn er war der Beste unter ihnen – beim Üben und im richtigen Kampf. Nur Sextus wendete zornig das Gesicht ab, niemand sollte sehen, wie sehr er Gavin verachtete. Er kämpfte schon länger als Gavin für Marcus Atticus und war der erfolgreichste Gladiator gewesen. Er hielt den anderen für einen Angeber, auch dass er sich hier von allen Myrdin nennen ließ, hielt er für überheblich. Doch Sextus konnte sich gut verstellen, denn seine Position in der Gladiatorenhierarchie war nicht sicher. Langsam keimte eine Idee in ihm. Er kannte viele Leute und er freute sich auf Arretium. Dort hatte er eine gute Bekannte, eine aus Rom stammende Hure, die es weit gebracht hatte. Sie waren immer gut miteinander ausgekommen. Sextus hatte vor, sich mit ihr zu treffen. Das hob seine Laune etwas, wie auch die Aussicht, vorher noch gegen Gavin zu kämpfen und ihn vielleicht beim Exerzieren fertigzumachen. Er hatte es satt, hier die Nummer Zwei zu sein. Warum der Herr an dem so einen Narren gefressen hatte, war ihm ein Rätsel. Nun durfte er sich auch noch als erster Erleichterung verschaffen. Sextus wusste, was er konnte und irgendwie wollte er sich sein Recht zurückholen und sich anschließend freikaufen. Aber noch immer fehlte ihm ein beachtlicher Betrag. Eifersüchtig fragte er sich, woher Myrdin soviel Geld hatte, um sich in zwei weiteren Jahren freikaufen zu können.

 Der beste Gladiator bekam vom Herrn immer einen Bonus und er wusste nicht, wie hoch die Boni in letzter Zeit ausgefallen waren. Sextus hatte schon lange keinen mehr bekommen und ihn gelüstete danach, wie auch nach anderen Dingen.

 Gavin stand auf und folgte Marcus, als dieser ins Haupthaus zurückgehen wollte. „Auf ein Wort“, sagte er leise. „Ich glaube noch immer, es ist ein kleines Mädchen, ganz gleich, wie viel Maskerade es sich auflegt. Die besteht nur aus Haut und Knochen. Hast du ihre Ellbogen gesehen? Die können einen regelrecht aufspießen.“

 „O Gavin! Sei nicht so undankbar.“ Marcus wurde langsam wütend. Noch nie hatte er seinen Lieblingsgladiator so widerspenstig erlebt.

 „Na schön, dann werde ich dir meine Dankbarkeit beweisen, indem ich meine Lust an dieser halben Portion abreagiere.“

 „Gavin! Das reicht jetzt! Auch du kannst zu weit gehen! Bei aller Freundschaft, vergiss nicht, was du bist!“ Marcus hielt drohend einen Zeigefinger auf ihn gerichtet. Ergeben senkte Gavin schließlich den Blick und gab nach. „Ich gehorche, Herr“, brummte er, was die Laune von Marcus nicht eben besserte.

 

 Flavia kam zurück und führte Kassandra ins Atrium. Die Gladiatoren standen lässig da und gafften. Beschämt senkte sie den Blick und versuchte, sich hinter der alten Frau zu verstecken. Diese ließ erneut ihr gackerndes Lachen hören und schob Kassandra zwischen sich und die Männer. „So, da ist sie“, verkündete sie als handle es sich um ein Weltwunder. „Na, was ist Männer? Keine lobenden, netten Worte, damit sich das Kücken hier wohlfühlt?“ Flavia kicherte weiter während Kassandra angestrengt ihre Zehen betrachtete und nicht wusste, worauf sie hoffen sollte. „Ähm … etwas dünn, aber …“, begann Gavin und schloss unsicher den Mund. „Sagt auch etwas“, flüsterte er den Kameraden zu. Er versuchte nett zu sein, aber ihm fiel wirklich nichts an ihr auf, das erwähnenswert gewesen wäre oder ihn nicht bloßgestellt hätte. „Warum?“, bekam er zur Antwort. „Nur weil es Flavia verlangt, sicher nicht.“

 „Aber die Kleine ist schon ganz verunsichert, die denkt, wir mögen sie nicht.“

 „Die wird schon merken, wann wir sie mögen. Viel Spaß noch Myrdin“, sagte Tullius heiter und lachte anzüglich. Dann drehte er sich um und ging ins Quartier zurück. Die anderen folgten ihm. Flavia und Gavin blieben bei Kassandra, die wie festgewachsen stand. Gavin trat näher und sagte nicht unfreundlich: „Du kannst gehen, Flavia. Deine Zeit bei den Gladiatoren ist um. Der Herr wird dir Morgen deine neue Aufgabe nennen.“ Flavia strahlte ihn an und entfernte sich rasch. Die wilden Spiele mit den Gladiatoren würden ihr fehlen aber sie fühlte sich ihnen auch nicht mehr gewachsen. So ging sie zufrieden lächelnd zu den Quartieren der Haussklaven und erwartete die neue Arbeit.

 Myrdin betrachtete das schmale Wesen, das wie ein Schössling in der Mitte des Atriums stand und sich nicht zu rühren wagte. „So, was mache ich jetzt mit dir?“, fragte er. Kassandra starrte weiterhin fest zu Boden und kämpfte gegen die aufsteigende Panik. Am liebsten wäre sie fortgelaufen, aber das ging nicht. Als sie nichts sagte, nahm er sie am Arm und führte sie in ihre Kammer. „Setz dich und dann sag mir, was du bei deinem letzten Herrn gemacht hast. Ich weiß, du wurdest als Sklavin geboren.“ Seine Stimme klang härter als beabsichtigt, aber diese Ziererei machte ihn nervös und reizbar, auch versuchte er auf diese Art seine aufkeimenden Gefühle zu unterdrücken. Sie schluckte einige Male, dann blickte sie auf und ihm gerade ins Gesicht. „Ich habe vorgelesen.“ Gavin lachte laut und lange. „Soll ich dir das wirklich glauben?“

 „Prüfe mich, Herr. Ich kann lesen und nicht nur Latein, sondern auch Griechisch. Mein Herr Titus hat es mich gelehrt, denn ich wurde in seinem Haushalt geboren, wie du sicher weißt. Er hat mich zu seiner Vorleserin gemacht.“ Ihre Stimme klang nun trotzig und sie schaute ihm dabei fest in die Augen. „Ihr Götter!“, brüllte er schließlich. „Ich wusste es! Was fangen wir hier mit einer Gelehrten an?“ Haare raufend marschierte er in der Kammer herum.

 Mit jeder Minute, die verging, wurde Kassandra fahriger. Sie strich die Tunika über die Knie und faltete bewusst die Hände, um nicht noch mehr zu nesteln oder gar an den Nägeln zu kauen, wie sie es oft tat, wenn sie unsicher war. „Herr, Flavia erklärte mir, was ich zu tun habe. Ich fü …“

 „Ich bin nicht dein Herr. Wenn du deine Arbeit ordentlich machst, brauchst du vor keinem Angst zu haben. Wie ist überhaupt dein Name? Vorläufig läufst du bei mir unter gerupftes Huhn“, sagte er freundlicher. Sie nannte ihren Namen, was einen erneuten Heiterkeitsausbruch zur Folge hatte. „Mein Herr Titus hielt ihn für einen guten Namen“, rechtfertigte sie sich langsam doch ärgerlich werdend. „Ich glaube dir aufs Wort. Aber hier? Na, wie du meinst, Kassandra. Hier bin ich Myrdin.“ Es folgte eine lange Stille, die nur von seinem belustigten Schnaufen unterbrochen wurde. „Deinem Namen nach bist du keltischer Abstammung“, bemerkte sie, nur um die Gesprächslücke zu füllen, die sie nervöser machte, als sie ohnehin schon war. Sie wusste nicht, was sie mit ihm reden sollte. Er schien ihr so hart und unnahbar, beinahe feindselig gegenüberzustehen. Zustimmend brummte er, dann beendete er seine Wanderung in der kleinen Kammer und setzte sich zu ihr auf die Bank. Er hob ihr Kinn an und betrachtete sie. Was er sah, war nicht hässlich, aber auch nicht schön zu nennen. Die ganze Schminke half nicht über die schmalen Lippen und das spitze Kinn hinweg. „Ich würde dir ja gerne mehr Zeit geben, um dich hier einzugewöhnen, Kassandra, aber das wird nicht gehen. Morgen beginnt für dich die wirkliche Arbeit.“ Er strich ihr durchs Haar, löste einige Bänder, dann ließ er die Hand über ihren Rücken gleiten. Sie saß stocksteif da. Der letzte Satz hatte sich in ihre Gedanken gebohrt und wiederholte sich dort in einer Endlosschleife. Während er ihren Rücken streichelte, kämpfte sie um Selbstbeherrschung, gegen die Tränen und die Angst. Sie hatte das Gefühl, überrollt zu werden, keinen Muskel bewegen zu können, ohne hysterisch heulen zu müssen. „Ich rate dir, etwas mehr Begeisterung zu zeigen“, meinte er langsam ungeduldig werdend. „Ich weiß nicht was ich tun soll“, bekannte sie. Nervös kaute sie auf der Unterlippe und blinzelte heftig. Gavin merkte, sie würde gleich zu weinen beginnen, da nahm er sie kurz in den Arm. Selbst jetzt rührte sie sich nicht. Er war ein harter Mann und sie tat ihm Leid aber er war hier nicht als Tröster, das redete er sich zumindest ein. Dann schob er sie weg und befahl: „Geh in den Schlafbereich und zieh dich aus. Ich komme gleich nach.“ Sie tat wie ihr geheißen und wartete zitternd, nur mehr mit dem Brustband bekleidet, auf den ersten Mann in ihrem Leben. Von zahlreichen Bildern wusste sie, was auf sie zukam. Aber noch nie hatte sie einen Mann in seiner Blüte nackt gesehen. Schließlich legte sie sich ins Bett. Flavia hatte ihr lediglich gesagt, es würde für den Anfang genügen, auf dem Rücken zu liegen und die Beine breit zu machen. Das machte sie jetzt. Und es war falsch, wie sie kurze Zeit später erfuhr. „Steh auf“, sagte er seufzend, ließ den Vorhang fallen und trat näher. Er stellte die mitgebrachten Becher mit Wein auf der Kiste ab und wartete. Als sie vor ihm stand, öffnete er das Brustband und betrachtete sie von allen Seiten. „Viel ist nicht dran an dir. Mit etwas mehr Fleisch auf den Rippen könntest du vielleicht sogar gut aussehen. Wenn du weiter so ängstlich und abwehrend blickst, bekommst du Probleme und wirst in der Gosse landen. Ein Stadtbordell ist sicher weniger angenehm als das hier.“ Abermals errötete sie. Für Kassandra war das alles neu. Es kam ihr vor als hätte er sie beurteilt und für nicht gut genug befunden. Abermals kämpfte sie mit den Tränen, schluckte diese neuerliche Demütigung und sagte: „Bitte, Myrdin verzeih mir, Flavia meinte …“

 „Vergiss, was die alte Vettel sagt. Das hat nichts mit dir zu tun. Die ist eifersüchtig, weil du jung bist. - Du darfst mich ruhig ansehen. Ich fresse dich nicht.“ Er sprach jetzt wieder etwas milder. „Wie war dein letzter Herr?“, fragte er, um sie von ihrer Verlegenheit abzulenken. Zuerst zögernd und dann immer flüssiger begann sie von ihrem Leben zu berichten, das angefüllt gewesen war mit Philosophie und Geschichten, die Einsamkeit ließ sie aus, daran wollte sie nicht denken, denn der Herr hatte sie abgesondert von den anderen Sklaven gehalten. Gavin hatte den Eindruck, sie war das Produkt einer intimen Beziehung ihrer Mutter und ihres früheren Herrn. Das fragte er sich dann auch.

 „Du hast recht, Herr. Ich sehe ihm sehr ähnlich …“, sie wollte noch etwas hinzufügen, aber Gavin unterbrach sie brüsk: „Marcus Atticus ist dein Herr! Ich bin Myrdin für dich.“

 „Ja, Myrdin.“ Sie wollte noch mehr sagen, schluckte die Worte und den Kloß, der im Hals steckte, hinunter und blickte ihm nun in die blauen Augen. Er reichte ihr den Becher, trank selbst etwas und sagte danach: „Dieses Leben ist nun vorbei Kassandra. Er hat dir nichts Gutes getan, auch wenn es auf den ersten Blick so aussieht. Trauere um ihn, wie es sich um einen guten Herrn geziemt und vergiss das andere. Hier kannst du ein gutes Heim haben, aber du musst etwas tun dafür.“ Grimmig dachte er: ‚Irgendwann zahle ich dir das heim, Marcus. Verdammt, ich darf sie nichts mehr fragen, sonst verliebe ich mich wirklich in diese halbe Portion.’

 Kassandra erwies sich als so unerfahren, wie er vermutet hatte. Abermals fasste er ihr unters Kinn und studierte ihr Gesicht. „Du hast schöne Augen“, murmelte er und meinte es auch so. „Es freut mich, wenn dir etwas an mir gefällt“, erwiderte sie und kam sich sehr dumm und hässlich vor. Er nahm ihre Nacktheit nicht sonderlich zur Kenntnis, so kümmerte es sie selbst immer weniger. „Ja, auch dein Haar ist schön“, sagte er weiter und entfernte die restlichen Bänder daraus. „Ich bemerkte es bereits bei deiner Ankunft.“ Dann löste er seinen Gürtel und streifte mit einer Bewegung die Tunika ab. Achtlos landete sie auf dem Boden. „Freunde dich mit einem Männerkörper an, Kassandra. Ich werde versuchen, dir nicht weh zu tun. Du wirst uns nur dann Freude bereiten, wenn es dir auch Spaß macht.“ Für sich dachte er verärgert: ‚Bei nächster Gelegenheit töte ich Marcus, diesen elenden Hund. Ich muss aufpassen, sie ist so zart.’ Dann nahm er ihre eiskalten, zitternden Hände und führte sie über seinen Oberkörper. Er zog sie zu sich und ließ ihre Finger über seine Haut streichen. Es war erregender als er gedacht hatte. Dann nahm er sie und zwang sie, sein Glied in die Hand zu nehmen. Erschrocken wollte sie zurückweichen, aber er hielt sie fest. „Ich zeige dir, was du tun musst. So ist gut. Fass mich an.“ Sie versuchte, nicht zu denken und hielt ihn fest. Dann erschrak sie, als seine Finger über ihre Brüste glitten und sie kneteten. Als er zwischen ihre Beine griff, wollte sie sich losreißen. „Keine Angst, ich sagte, ich werde dir nicht wehtun. Mach du nur weiter.“ Abermals führte er ihre Hand vor und zurück, schloss die Augen und vergaß beinahe, wie ahnungslos sie war. „Knie dich hin“, befahl er. Unsicher sank sie zu Boden, ließ ihn aber nicht los. Dann nahm er ihre Hand fort und presste seinen Unterleib an ihr Gesicht. „Mach den Mund auf“, sagte er heiser. „Nein“, antwortete sie und wandte das Gesicht ab. Langsam wurde er ungeduldig. Das dauerte bereits zu lange und er hatte zu tun, seine Gefühle im Zaum zu halten. Marcus hatte ihm aufgetragen, ihr alles zu zeigen und nun weigerte sie sich. „Verdammt noch mal“, fauchte er. „Nein“, erwiderte sie fest.

 „Es würde dir mehr Spaß machen, wenn du mitspielen würdest. Versuch es einfach.“ Er klang gereizt und funkelte sie zornig an. Also öffnete sie ein wenig den Mund und ließ ihn zwischen ihre Lippen. „Ist es so ekelhaft? Ich bin gewaschen und gesund, also brauchst du keine Angst zu haben“, fuhr er milder fort. „Mach weiter.“ Abermals schloss er die Augen und dachte an nichts mehr. Er nahm ihren Kopf und führte seinen Phallus tief in ihre Mundhöhle. Für sie war es zu tief, sie würgte, begann sich zu wehren und übergab sich schließlich. Weinend und um Verzeihung bittend saß sie da und wusste nicht, was überhaupt passiert war. Es fing eben an nicht mehr ganz so widerwärtig zu sein, dann war es ihr zuviel geworden. „Nimm einen Lappen und wisch es weg. Es war mein Fehler“, meinte er sanft. Rasch wischte sie die Schweinerei fort und setzte sich zu ihm aufs Bett. Seine Erregung war etwas erschlafft, nachdem sie so abrupt unterbrochen worden waren. Nun wollte er es doch etwas langsamer angehen. ‚Marcus, dafür schuldest du mir eine Menge’, dachte er abermals und musste plötzlich grinsen. „Wenn ich etwas Lächerliches mache, dann sag es, Myrdin“, meinte sie unsicher und hörte auf, ihn zu stimulieren. „Nein, nein, mach nur weiter. Ich habe eben an deinen Herrn gedacht und wie großzügig er ist.“ Gavin prustete nun los.

 „Wenn du nicht sofort sagst, was so komisch ist, werde ich nicht weitermachen!“ Erstaunt über ihren Ausbruch erstarb ihm das Lachen auf den Lippen und er starrte sie an, bevor er erneut loslachte. Auch sie hatte erschrocken über ihren Mut innegehalten. „So gefällst du mir besser. Ich sage es dir später. Mach jetzt lieber weiter.“ Langsam begann sie damit, seinen Körper zu erkunden. Jede seiner zahlreichen Narben zeichnete sie mit dem Finger und dann mit der Zunge nach. Sie küsste ihn und fühlte sich nicht mehr ganz so schlecht dabei. Er war irgendwie doch nett, versuchte auf sie Rücksicht zu nehmen und es tat nicht weh. Kurz betrachtete sie sein Gesicht, es war ein gutes Gesicht, kantig, kräftig, von einer Narbe durchzogen, die es aber nicht wirklich entstellte. Gierig küsste er sie zurück und dann zeigte er ihr ihre eigenen Lustzentren. Kassandra war es unangenehm, gerade dort angefasst zu werden und sie wollte sich wegdrehen und die Beine schließen, doch er zwang sie mit sanftem Nachdruck, zu bleiben wo und wie sie war. Dann drang er in sie ein. Sie schrie auf vor Schmerz und wehrte sich gegen ihn. Sofort hielt er inne und hielt sie fest. „Sch … Ich bin vorsichtig. Entspanne dich“, flüsterte er, strich ihr durchs Haar und küsste sie auf den Mund. Als sie sich beruhigte, machte er weiter. So ging es eine Weile dahin, bis sie sich nicht mehr wehrte. Krampfhaft hielt sie sich am Bettgestell fest und versuchte gegen den Schmerz und den Widerwillen anzugehen. Das fand sie nicht mehr schön. Er bemerkte es nicht, mittlerweile dachte er immer weniger an sie und wurde noch heftiger. Ihr Schluchzen nahm er nicht einmal mehr am Rande wahr. Dann ergoss er sich in sie, ließ ihre Beine los und rollte von ihr herunter. Jetzt erst sah er die Tränen, die auf ihren Wangen glitzerten. „Du sagtest, du würdest mir nicht wehtun“, fauchte sie. „Myrdin der Lügner.“ Zornig wischte sie sich über die Augen, stand auf und sehr steif zog sie sich die Tunika an. „Ich kann mich kaum bewegen, du Hund.“ Gavin lag im Bett und starrte sie an. Er hatte plötzlich das Gefühl ein großer ungeschickter Kerl zu sein. „Kassandra, es tut mir leid. Das kommt nicht wieder vor.“ „Oh bestimmt nicht. Wenn es jedes Mal so ist, wird es kein zweites Mal geben!“
 „Du vergisst, was du bist, Lupa!“, brüllte er nun und stand ebenfalls auf. „Das werde ich wohl nie vergessen! Danke für die Erinnerung, du, du Kelte!“, schrie sie voll Verachtung. Klatschend traf seine Hand ihre Wange. „Schlag nur zu! Ich kann mich ja nicht wehren!“ Nun war sie richtig zornig. Nur mit der losen Tunika bekleidet, stand sie vor ihm. An den Oberschenkeln lief Blut hinab, sie schien es nicht zu bemerken. Die Hände hatte sie in die Hüften gestemmt und setzte eben zu einer Fortsetzung an, als er schnell sagte: „Ja, ich bin ein Hund.“ Er klang ehrlich zerknirscht. „Wenn du zornig bist, bist du gar nicht so hässlich!“, fügte er unvorsichtig hinzu. „Raus hier!“, schrie sie. „Kassandra!“ Er packte sie an den Schultern und schaute ihr sehr ernst ins Gesicht. „Sei still! Wenn dich jemand hört, dann werfen sie dich noch vor dem Morgengrauen auf die Straße. Es sei denn, du bist lieber eine Straßenhure.“ Das saß. Sie wurde sofort ruhig und Angst machte sich in ihr breit. Niemand lebte gerne auf der Straße. „Ist das dein Ernst?“ Er nickte bloß, dann zog er sich an und ging in den Vorraum. Nachdenklich setzte sie sich aufs Bett. Es war nicht schlecht gewesen. Bis zu einem bestimmten Zeitpunkt hätte es ihr sogar gefallen können. Nun war sie erst recht verunsichert.
 „Du hast gesagt, morgen kommen die anderen“, flüsterte sie und setzte sich zu seinen Füßen, wie sie es bei ihrem alten Herrn oft getan hatte. Nachdenklich blickte er auf ihre blonde Haarpracht. Am liebsten würde er sie davor bewahren, aber er musste hier in erster Linie an sich selbst denken, deshalb sagte er nur: „Alle werden nicht kommen, das wäre zuviel. Du wirst lernen, es zu mögen. Ich muss jetzt gehen.“ Rasch stand er auf und schritt durch die Tür in die kühlere Nacht hinaus. Ihr Ausbruch hatte ihn mehr getroffen, als er sich eingestehen wollte. Dann straffte er sich, sie war eine Lupa und hatte ihm nichts zu sagen. So lagen die Dinge nun einmal. Noch zwei Jahre dann konnte er seine Schulden abzahlen, und als freier Mann von dannen ziehen, sollte er noch so lange überleben. Kassandra durfte ihn nicht weiter kümmern, er musste sie aus seinen Gedanken verbannen. Hier war sich jeder selbst der Nächste und es war weit mehr als üblich, was er an diesem Abend gemacht hatte. Dennoch fühlte er Zorn auf sich, auf Kassandra und auf Marcus, der ihm erst diese Situation eingebrockt hatte. Am nächsten Tag ließ er seiner Wut freie Bahn. Bei den Übungskämpfen schonte er weder sich noch die Kameraden. Einer nach dem anderen landete im Sand. Sextus hatte den letzten Schlag nicht mehr parieren können, weil er zu heftig gewesen war. Zornig wischte er sich den Staub vom Körper, wobei er Gavin anfunkelte. Aber er schwieg, schluckte wie sooft seinen Zorn hinunter.
  „Bist du verrückt, Myrdin?“, schrie Marcus, der sie beobachtete. „Hier geht es nicht um Leben und Tod. Heb dir das für die Arena in zwei Monden auf.“„Hier geht es um etwas anderes, Herr.“ Gavin rammte das Gladius in den Sand und stapfte zum Meister, der im Schatten saß. „Weißt du, was gestern los war? Du hast mich geschickt ein kleines Mädchen in die Welt der Lust einzuführen. Das werde ich dir nie vergessen. Das kleine Luder hat anschließend geblutet, als hätte ich es abgestochen! Weißt du, wie ich mich fühle? Wenn ich zu einer Lupa gehe, dann will ich mein Vergnügen haben und nicht aufpassen müssen, verstehst du? Denk das nächste Mal daran, wenn du so eine ersteigerst.“ Er wartete nicht auf eine Antwort, sondern forderte den nächsten Gegner heraus, indem er mit dem Finger auf ihn zeigte und ihn heranwinkte. Mit dem Gladius ging es nun gegen Dreizack und Netz. Rascher als erwartet entwaffnete er den Retiarius und Marcus applaudierte begeistert. „Wenn du das in acht Wochen auch so machst, dann bist du der absolute Triumphator!“, jubelte er und wollte ihm auf die Schulter klopfen. Als Gavin sich wegdrehte, sagte Marcus schroff: „Vergiss nicht, du gehörst noch zwei Jahre lang mir.“ Er klang nicht mehr mild, sondern ließ eine Schärfe erkennen, die nur selten zutage trat, ihn aber zu einem guten Gladiatorenmeister gemacht hatte. Die Schule gehörte zwar nicht zu den größten und er hatte immer nur wenige Gladiatoren aber er lebte mehr als gut davon.
 „Du hast recht, Herr“, erwiderte Gavin und neigte den Kopf. „Ich bitte dich um Entschuldigung. Du bist sehr großzügig.“ Dann dachte er: ‚Darüber wollte ich mir ihr reden. Dann kam der Schmerz dazwischen. So ist das immer. Verdammt. Ich muss aufhören, an sie zu denken und lieber kämpfen, sonst erlebe ich mein Leben in zwei Jahren nicht mehr und Marcus kann sich an meinem Vermögen erfreuen, dieser verfluchte Hund. Was kümmert sie mich überhaupt?’ Er sah den Meister an, der lächelte, als wüsste er, was hinter seiner Stirn vor sich ging. Dann wandte er entschlossen den Blick und kämpfte weiter. Ein Schwertkampf folgte dem nächsten. Das ging so lange, bis Marcus eine Pause anordnete. Kassandra konnte lange nicht einschlafen. Ihre Kammer hatte kein Fenster, nur die Tür zum Atrium und die wagte sie nicht, zu öffnen aus Angst vor ungebetenen Besuchern.

 Am nächsten Morgen war sie müde und kam sich ungelenk vor. Sie suchte die Küche und fand sie im großen Sklavenquartier der Villa. Hier betrachtete man sie mit Argwohn, als sie schüchtern um ein Frühstück bat. Ein Mädchen gab ihr schließlich eine Schale Ziegenmilch, ein Stück Fladenbrot und etwas Honig. Vorhin dachte Kassandra noch, sie würde alles aufessen, aber bereits nach dem ersten Bissen wurde ihr übel. Die Angst vor dem Abend schnürte ihr die Kehle zu. Entschlossen schüttelte sie die Gedanken daran ab, trank wenigstens die Milch und machte sich an die Arbeit. Nach den Gladiatorenquartieren brachte sie die Therme in Ordnung. Mittags ging sie wieder in die Küche der Haussklaven und wollte sich etwas zu essen und zu trinken holen, da wurde sie vertrieben. „Hier haben nur die Haussklaven Zutritt, geh ins andere Haus“, meinte der Koch hochmütig. Sie schluckte und kam sich klein und unwert vor. Die Erklärung des Kochs, der ihr den Weg beschrieb, bekam sie nicht mehr mit. Mit hängenden Schultern, müde und hungrig ging sie in die Schule zurück und suchte ihre Kammer auf. Sie wusste nicht, wo sie hingehen sollte, es war keiner hier, den sie sich zu fragen traute. Völlig eingeschüchtert wartete sie, dass die Sonne weiter zog. Erst als die Schatten im Atrium länger wurden, wagte sie sich hinaus. Abermals ging sie in die Gladiatorentherme und begann damit ein leeres Becken mit einer groben Bürste zu reinigen, das sie am Vormittag nicht mehr geschafft hatte. Der Herr sorgte gut für die Männer, denn sie waren sein Kapital und je länger sie lebten und gesund blieben, desto mehr Gewinn konnte er erzielen. Sehnlich wünschte sie sich als Mann geboren oder tot zu sein. Schon jetzt hasste sie das, was am Abend auf sie zukommen würde. Die Arbeit machte ihr bewusst, wie durstig sie war und rasch tat sie einen Schluck aus dem Eimer mit dem frischen Wasser für das Becken. Gerade da trat Myrdin ein, sah es und fuhr sie an: „Du kannst doch das nicht trinken!“ Erschrocken setzte sie sich und duckte sich. „Was ist los mit dir?“
 „Ich hatte nur Durst und das Wasser ist frisch.“
 „Geh in die Küche und hol dir etwas zu trinken und auch zu essen.“ Da senkte sie den Kopf noch weiter und konnte die Tränen nicht mehr zurückhalten. „Hat dich einer der Kerle schlecht behandelt? Hier herüben müssen sie sich alle anständig benehmen, sonst bekommen sie es mit mir zu tun.“ Leise berichtete sie, wie sie von den anderen vertrieben worden war und sie sich nicht mehr in den Essbereich der Sklaven wagte. „Du warst nur im falschen Haus. Wenn du in den Speiseraum der Gladiatoren kommst, wirst du nicht leer ausgehen.“ Die Lust auf ein Bad war ihm jetzt allerdings vergangen. Sie hatte furchtbar elend ausgesehen, wie sie so auf dem Boden hockte und sich vor ihm fürchtete. Das wollte er nicht. Der Essplatz der Gladiatoren und Schulsklaven war einfach zu finden. Nun stand sie davor und wagte sich weder hinein noch zurück in ihre Kammer. Sie war hungrig und es roch gut. Da sah Gavin, wie sie im Türbogen stand, und winkte sie her. „Setz dich.“ Sie richtete das Tuch um ihren Kopf, eine Palla hatte sie noch immer nicht und ging zaghaft zu ihm. Der machte neben sich Platz und füllte eine Schüssel mit einem Eintopf aus Getreide und Linsen auch etwas Fleisch war darin zu finden. „Lass dir Zeit beim Essen, es nimmt dir keiner weg.“ Sie versuchte das Gelächter der Männer zu ignorieren und würgte mit dem Eintopf die Scham hinunter. Gavin schenkte weder den Männern noch Kassandra weiter Beachtung.

 

Foto verwendet unter der Creative Commons Ian Sane  © 2012 Alle Rechte vorbehalten.

Erstellen Sie kostenlose HomepageWebnode